Liebevoll abstillen

„Du musst abstillen“, haben sie gesagt. „Still endlich ab, dann wird er besser schlafen…“ Nach knapp 21 Monaten, in denen ich maximal drei Stunden am Stück geschlafen habe, meistens eher weniger, manchmal auch nur 30 Minuten, war ich bereit alles zu versuchen. Und das, obwohl ich wirklich gerne gestillt habe. Ich erinnere mich noch heute an meinen ersten Frauenarztbesuch nach Karls Geburt, bei dem mir mein Arzt, nachdem ich ihm erzählte, dass ich Maxi 18 Monate gestillt hatte, versicherte ich werde dem Zweiten mit Sicherheit nicht so lange die Brust geben können. Denn, so dachte mein Frauenarzt, die Zweiten sehen die Ersten essen und verlieren so viel schneller das Interesse an der Brust.

Im Nachhinein kann ich darüber nur schmunzeln, denn wenn Maxi ein begeisterter Muttermilchtrinker war, dann war Karli beinahe süchtig.

Aber zurück zum eigentlichen Thema, dem Abstillen, an das ich mich vor knapp zwei Wochen schweren Herzens und total übermüdet heranwagte. Warum es mir so schwer fiel? Ganz ehrlich, ich wusste einfach nicht wie ich es anfangen sollte. Während Maxi sich fast von selbst abgestillt hatte, gab es bei Karli auch nach über 20 Monaten keinerlei Anzeichen dafür, dass er jemals das Interesse an der Brust verlieren würde. Ich hatte zwar mittlerweile die Milch am Tag durch Wasser aus Bechern und Reiskokosmilch aus dem Fläschchen ersetzt, zum Einschlafen jedoch und in der Nacht, war an eine Brust-Alternative nicht zu denken…

Ein paar Mal hatte ich versucht ihm zum Einschlafen seine Flasche, aus der er tagsüber mit Begeisterung trank, anzubieten… vergebens. Unter lautem Protest wurde mir das schwere Ding an den Kopf geknallt.

Immer wieder unterhielt ich mich mit Freundinnen über das Thema und der allgemeine Tenor war, abstillen funktioniert am Besten, wenn der Papa ein paar Nächte übernimmt. Genau hier aber lag das Problem: Die Vorstellung meinem kleinen Schatz nicht nur die geliebte Brust, sondern auch noch mich und damit gefühlt meine Liebe zu entziehen, war für mich absolut unvorstellbar. Und so beschloss ich es auf eine andere Art zu versuchen.

Obwohl mir klar war, dass es extrem hart werden könnte, übernahm ich selbst diese Aufgabe. Wir einigten uns auf einen Tag X, den wir, weil wir irgendeinen Anhaltspunkt, eine Motivation brauchten, am Mondkalender fest machten. Tatsächlich hatte ich diesem zuvor noch nie eine besondere Bedeutung beigemessen, für dieses Vorhaben jedoch erschien es mir seltsamerweise richtig.

Am entsprechenden Tag also machte ich alles wie immer, um mein Karlchen so wenig wie möglich zu verunsichern. Die Vorbereitung aufs zu Bettgehen sowie das Einschlafritual sollten genau wie immer ablaufen, mit der einzigen Veränderung, dass ich ihm anstatt meiner Brust eine Flasche anbot. Bereits im Vorfeld hatte ich ihm immer wieder erklärt, dass der Busi, wie er meine Brust nennt, leer sei. Er selbst prägte in dieser Phase den Ausdruck „Busi putt“. Das erste Einschlafen ohne Brust war hart, Karli weinte viel, war frustriert und sauer auf mich. Ich tröstete ihn, streichelte, wiegt und sang 45 Minuten am Stück, bis er sich langsam beruhigte und in meinen Armen einschlief. Vier mal wurde er in dieser Nacht wach, vier mal das gleiche Spiel, bis er morgens um 5 Uhr endlich sein Fläschchen trank. Es war hart, ich war traurig und hatte ein furchtbar schlechtes Gewissen. Aber als er am Morgen erwachte, war er gut drauf und verhielt sich genau wie immer, was mich in meiner Entscheidung bestärkte. Ich sagte mir immer wieder, dass ich nach knapp 21 Monaten des intensiven Stillens, nach 21 Monaten ohne Schlaf, kein schlechtes Gewissen haben brauchte…und doch ging es mir schlecht, auch körperlich. Mein Brüste schienen beinahe zu platzen.

Der zweite Abend kam und ich hatte wirklich Angst vor der Nacht, denn schon das Einschlafen dauerte noch länger als am Tag zuvor. Wieder weinte er, wieder versuchte er an den Busen heranzukommen. Ich trug ein hochgeschlossenes Shirt und tröstete und sang. Die Nacht war schrecklich, er weinte zwar kein einziges Mal, war aber ständig wach und unruhig. Seine Flasche nahm er wieder erst im Morgengrauen.

Auch am zweiten Morgen war nach dem Erwachen alles wie immer – happy Karli war glücklich und zufrieden, den ganzen Tag kam er zu mir und zeigt auf den Busen „Busi putt, Busi laa (leer)“. Noch ahnte ich nicht, wie die dritte Nacht werden sollte. Zu diesem Zeitpunkt war mir aber klar, dass es jetzt eigentlich nicht mehr schlimmer werden konnte.

Am dritten Abend nun, brachte ich Karli zu Bett, fest damit rechnend, dass es wieder länger dauern würde. Kaum hatte ich mich neben ihn ins Bett gelegt, murmelte er „Busi laa, Busi putt“, verlangte nach seiner Flasche und schlief, ohne auch nur einmal zu weinen, ein. Ich konnte es selbst kaum fassen und blieb lange neben ihm liegen. Als wir zu Bett gingen, schlief er noch immer tief und fest – normalerweise wachte er spätestens dann auf. Karli schlief die halbe Nacht, ACHT Stunden am Stück!!! Als er gegen vier Uhr erwachte, trank er lediglich ein paar Schlückchen aus seinem Fläschchen und schief weiter – ohne Beschwerden, ohne eine einzige Träne.

Am Morgen war ich fassungslos, noch NIE seit seiner Geburt, hatte er so lange am Stück geschlafen. Sollten alle, die mir gesagt hatten, ich müsse nur abstillen, dann werde er schon besser schlafen, wirklich Recht behalten? Noch wollte und konnte ich es nicht glauben. Ich wollte abwarten, ob es tatsächlich dabei bleiben würde.

Mittlerweile sind zehn Tage vergangen, Karli hat in dieser Zeit nur eine einzige Nacht schlecht geschlafen (er zahnte und hatte leichten Husten). In allen anderen Nächten schlief er mindestens sechs, meist eher acht bis neun Stunden am Stück.

Niemals hätte ich geglaubt, dass er nur durchs Abstillen plötzlich besser schlafen kann und ehrlich gesagt verstehe ich bis jetzt nicht, warum das so ist. Denn er ist ein guter Esser, die Kalorien in der Nacht braucht er meiner Meinung nach nicht. Aber egal wieso, ich bin einfach nur glücklich endlich wieder schlafen zu dürfen.

Ob euch dieser Bericht weiter hilft? Ich weiß es nicht.  Mir persönlich tun Erfahrungsberichte dieser Art manchmal ganz gut, wenn ich eine Entscheidung treffen muss. Darum hoffe ich hiermit einigen übermüdeten Mamas da draußen helfen zu können.

7 Kommentare
  1. Marquardt
    Marquardt says:

    So muss jeder selbst seinem Weg fürs Abstillen finden. Ich bin schon ganz gespannt wie es dann bei uns sein wird. Vielleicht werde ich mir was von deinem Weg abgucken, wenn es soweit ist. Danke für die Mitteilung deiner Erfahrung.

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  2. Teresa
    Teresa says:

    Toller Bericht. Bei uns war es fast genauso.. seit dem Abstillen schläft mein Schatz plötzlich von 19 uhr bis 6 uhr. Davor war er alle 2h wach und wollte die Brust. Er war zum Zeitpunkt des Abstillens 15 Monate alt und auch ein richtiger Brustabhängiger
    Ich hätte NIE gedacht, dass der schlechte Schlaf mim abstillen ein Ende hat.

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    • Steffi
      Steffi says:

      Ich auch nicht, zumal das bei meinem ersten Sohn überhaupt nicht so war. Ihn habe ich 18 Monate gestillt und er war von Anfang an (mit 12 Wochen das erste Mal durchgeschlafen) ein super Schläfer… Mit dem Abstillen hat sich daran gar nichts verändert.

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  3. Kristin
    Kristin says:

    Huhu, war das Fläschchen dann frühs kalt? Sorry bin flaschenneuling und bei uns geht es auch bald ans abstillen (19 mon) glg kristin

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